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1-2006 (55)

Abstracts

ZUSAMMENFASSUNGEN

 Urmas Nõmmik, Die Reden der drei Freunde Hiobs – ein internationaler Dialog?

 Der Verfasser des ursprünglichen Hiobdialogs (Hi 3–31*; 38f.*) hat die Reden der drei Freunde Hiobs, des Elifas (Hi 4f.*; 15*; 22*), des Bildad (Hi 8*; 18*) und des Zofar (Hi 11*; 20*) unterschiedlich gestaltet. Aufgrund der Unterschiede inhaltlicher, stilistischer und metaphorischer Art und gestützt auf einen umfangreichen Vergleich mit den Weisheitstexten des Alten Nahen Ostens und Ägyptens erhärtet sich der Verdacht, daß Sprache und Vorstellungswelt des Verfassers des Hiobdialogs nicht nur durch die ihm bekannten biblischen Traditionen geprägt worden ist, sondern daß er sich auch darum bemüht hat, durch ein bestimmtes Vokabular und Motive aus der Weisheitsüberlieferung Vorderasiens den Freundesreden ein gewisses Lokalkolorit zu geben. So zeigt der Vergleich die Nähe der Zofarreden zumal zur aramäischen und bes. zur Achikar-Tradition. Die Parallelen treffen vor allem die Lippensünde, die Metaphorik aus dem Bereich des Mundes und Bauches und den die bösen Menschen beschreibenden Wortschatz. Der Vergleich ergibt ebenfalls, daß in den mesopotamischen Traditionen die Parallelen zu den Bildadreden im Bereich der Vegetations-, Licht- und Jagdmetaphorik, in Verbindung mit Sonnengott Šamaš (Šamaš-Hymnus; vgl Hi 8,16) und bei den Krankheitsdämonen zu suchen sind. Die Frage nach einer entsprechenden Kolorierung der Elifasreden kann dagegen nicht beantwortet werden, weil wir über kein entsprechendes Textgut verfügen. Eine ganze Reihe von Beobachtungen spricht gegen eine Verbindung mit der ägyptischen Weisheit. Elifas in <st1:country-region><st1:place>Edom</st1:place></st1:country-region> anzusetzen, wie es heute weithin angenommen wird, wird auch durch die vorliegende Untersuchung nicht ausgeschlossen.

 Peeter Roosimaa, Bedeutung des Evangeliums bei den Urchristen

 Das “Evangelium” ist für die Christen einer der zentralen Begriffe. Die vorliegende Darstellung möchte die Ingebrauchnahme dieses Begriffs zusammenfassend behandeln. Wie der häufige Gebrauch des Wortes “Evangelium” im Neuen Testament folgern läßt, wurde diesem Begriff ein christlicher Inhalt vor allem in den griechischen und römischen Gebieten zugewiesen. Im Unterschied zu den Evangelien aus Rom, die als Botschaften mit kaiserlicher Autorität verstanden wurden, ging es beim christlichen Evangelium vielmehr um eine direkte Botschaft von Gott, eine offizielle Botschaft, die gleichsam eine göttliche Autorität und Garantie hatte. Eine solche Beobachtung weist darauf hin, dass man durch den Begriff “Evange­lium” die Worte “Bund” oder “Gesetz” ersetzen wollte.

Um den Begriff “Evangelium” besser zum Ausdruck zu bringen, fragt der Autor in einem Exkurs über “Zwei Bünde”, in welchem Verhältnis die Thora und der Sinaibund und das Evangelium und der neue Bund zueinander stehen. Anhand einer Analyse wird festgestellt, dass der Begriff “Evangelium” von Heidenchristen in den christlichen Gebrauch über­nommen wurde. Es handelte sich um eine religionsrechtliche offizielle Botschaft mit göttlicher Autorität und Garantie. Durch das Evangelium wird ein Rechtsraum beschrieben, der vom neuen Bund und den dazu gehörenden Rechtsakten bestimmt ist; damit werden sowohl der neue Bund als auch die dazu gehörigen Rechtsakten, das sog. neue Gesetz, sowie die dazugehörigen Beschreibungen bezeichnet. Daneben bezeichnete das Evangelium auch eine neue Gattung, mit der von der Gemeinde anerkannte Jesus-Überlieferungen weitergegeben wurden.

 Peeter Roosimaa, Über die literarische Eigenart des Markus Evangeliums

 Der vorliegende Aufsatz wird von der Frage geleitet, warum das Markus­evangelium in einem anderen Stil als die anderen Evangelien verfasst ist. Wie die anderen Evangelisten, so hat sich auch Markus auf verschiedene Überlieferungsquellen gestützt. Jedoch veränderte Markus den Über­lieferungstext fast gar nicht und verbesserte auch den Stil des Textes nicht. In der vorliegenden Darstellung werden die von Markus verwendeten stilistischen Mittel und Prinzipien besprochen, nach denen er den Text gliederte, die Aufmerksamkeit der Leser weckte, den Text verschachtelte usw. Aus der Schriftweise des Evangeliums kann man schließen, dass Markus ein sogenannter “Diener des Wortes” war (siehe Lk 1,2). Deshalb durfte er selber den Überlieferungstext nicht ändern. Sein eigener Beitrag bestand in der Auswahl und Anordnung des Überlieferungsstoffes, im Übersetzen aramäischer Wörter, in den Erklärungen jüdischer Sitten, in aktualisierenden Erweiterungen und vor allem in Zusammenfassungen.

 Jaan Lahe, Der Kybele- und Attis-Kult

 In der Geschichte der griechisch-römischen Religion hat Kleinasien seit der Zeit, als die ersten Kolonisten dort angekamen (ca. 1200 v. Chr.), eine bedeutende Rolle gespielt. Viele religiöse Gebräuche, die unter den Griechen und Römern verbreitet waren, kamen aus dieser Gegend. Der wichtigste von diesen war der Kult der großen Göttin, die von Griechen als “die große Mutter” (Megale Meter) genannt und geehrt wurde. Diese Göttin – in antiken Texten mit dem Eigennamen Kybele bezeichnet – war eine vielseitige Muttergottheit, die mit Fruchtbarkeit und Tieren in Verbindung stand. In ihrer Gestalt sind charakteristische Züge etlicher orientalischen Göttinnen (Kubaba von Hethiter, Kubile von Thraker, die Herrin der Tiere in mehreren Religionen) gemischt worden, und sie ist mit verschiedenen Muttergottheiten des Nahen Ostens (Ischtar aus Mesopotamien, Aschtarte aus Foinizien, Atargatis aus Syrien) verwandt. Der Kybele-Kult war unter den Griechen schon im archaischen Zeitalter bekannt (belegt ab 7. Jh. v. Chr.). Im Jahr 204 v. Chr. wurde er als der erste orientalische Kult auch von den Römern übernommen. So brachten sie einen schwarzen Stein, der diese Göttin verkörperte, aus Pessinus (im Galatien) nach Rom und bauten für sie auf dem Palatin einen Tempel.

Der Kybele-Kult zeichnete sich durch wilde und orgiastische Züge aus. Die Priester der Göttin (galli) haben mit ihren wilden Tänzen und Selbstentmannungen große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine wichtige Figur im Kybele-Kult war Attis, der Geliebte von Kybele, eine Vegetations­gottheit kleinasiatischer Herkunft. Die tragische Liebesgeschichte von Kybele und Attis nahm eine zentrale Stelle in diesem Kult ein. Im Laufe der Zeit – man weiß jedoch nicht, wann genau – entwickelte sich dieser Kult zu einer weitverbreiteten Mysterienreligion im Römerreich, der bis zum Sieg des Christentums im 4. Jahrhundert erhalten blieb.

 Tiina Vähi, Über die Interpretationen der theologisch-dämonologischen Vorstellungen von Werwolfen

 Schon in der Anfangsperiode der christlichen Kirche wurden Christentum und Heidentum voneinander deutlich abgegrenzt, der Glaube an Werwölfe dabei als Hexerei angesehen. Im Unterschied zum Volksglauben faßten der Kirchenvater Augustin und seine Nachfolger die Verwandlung des Menschen in einen Wolf als Sinnestäuschung auf, die von Dämonen hervorgerufen war. Für einen Christen war es unschicklich und nicht erlaubt, dieses Fantasiegebilde für wahr zu halten.

Bei der mythischen Deutung des Glaubens an Werwölfe wurden zwei Standpunkte einander gegenübergestellt: die vom “homo christianus” und “homo naturalis”. Der letztere zweifelte nicht an der Glaubwürdigkeit der Verwandlung in einen Werwolf und kannte das Ziel dieser Verwandlung. Für ihn war es kein moralisches Problem, und er musste keine Begründung dafür liefern. Der “homo christianus” mußte sich aber Mühe geben, diese Begebenheit für sich zu erklären. Schon in der frühesten Zeit wurde in den theologischen Diskussionen die Frage aufgeworfen, ob die Verwandlung des Menschen in ein Tier möglich und nicht illusorisch ist. In der Dämonologie entstand dieses Problem erst in der spätmittelalterlichen Zeit. Bedeutend größere Aufmerksamkeit wurde dieser Verwandlung in den frühneuzeitlichen Traktaten gewidmet. In diesen Schriften entwickelte sich die Behandlung der “lykanthropia” zu einer Art theologischer Doktrin.

In dem vorliegenden Aufsatz wird eine Übersicht darüber gegeben, in welchem theologisch-dämonologischen Kontext die folkloristische Auffassung von Werwölfen behandelt worden ist, und zwar: 1) in den Texten der Autoren aus dem Altertum und Mittelalter, 2) in den dämono­logischen Traktaten der frühen Neuzeit, 3) in den Aufsätzen der est-, liv- und kurländischen Geistlichen und Theologen, Hermann von Samson und Paul Einhorn, aus dem 17. Jahrhundert.

 Martin Tamcke, Christentum östlich des Römischen Reiches im Schatten von Schah und Kalif

 Die Kirche des Ostens (“Nestorianer“) kann als das Paradebeispiel einer Kirche gelten, die nie Staatskirche war. Gleichwohl war sie ihrer geographischen Ausdehnung nach die größte Kirche des Mittelalters. Diese Kirche stellt damit das kirchenhistorische Gegenbeispiel dar zu allen Kirchen in der Tradition der so genannten Konstantinischen Wende auf dem Boden des Römischen Reiches. Die Unterscheidung zum Christentum auf dem Boden des Römischen Reiches wurde u.a. begründet mit dem Primatsanspruch des Patriarchensitzes in Seleukia-Ctesiphon, der Haupt­stadt des Persischen Reiches. Der Patriarch galt als Nachfolger Petri.

Angewiesen auf das Einvernehmen mit den Schahs war die Situation der Kirche oft labil und von der Einstellung des Herrschers gegenüber der religiösen Minderheit abhängig. Gegenüber der Westkirche wurde die eigene Tradition als die authentischere empfunden, weil sie nicht unter dem Diktat eines christlichen Herrschers stand. Nach der muslimischen Eroberung gerieten die Nestorianer in den Gegensatz zwischen Sunnis und Schia. Unter den Abbasiden wurde das Patriarchat ins neu gegründete <st1:place>Bagdad</st1:place> verlegt. Der Patriarch Timotheos hielt am Vorrang des eigenen Stuhles vor dem des Westens fest, mit den Kaliphen Harun ar-Raschid und al-Mahdi stand er im Dialog. Die Sonderstellung dieser Christen führte zu ihrem Niedergang während des Ersten Weltkrieges und zu ihrer heute bedrücken­den Situation, besonders im Irak.

 Zu dem weiteren Inhalt der Zeitschrift

 Im Teil der Rezensionen setzt sich Jaan Lahe kritisch mit einem Buch von Riho Saard “Euroopa üldine kiriku ajalugu selle algusest kuni tänapäevani” (2005) (Allgemeine Europäische Kirchengeschichte von deren Anfängen bis zur Gegenwart) auseinander. Damit wird gleich eine Diskussion eröffnet, in der der Autor des Buches auf den darauf folgenden Seiten die Kritik beantwortet.

Der Teil der Dissertationen beinhaltet die Titel, die Autoren und die wissenschaftlichen Betreuer der Doktor- und Magisterarbeiten, die in den Jahren 2005–2006 an der Theologischen Fakultät der Universität Tartu verteidigt wurden. Außerdem wird eine Liste der AbsolvenInnen des Baccalaureus- und Lehramtsstudium der Theologischen Fakultät aus den Jahren 2001–2006 abgedruckt.

Unter dem Titel Anzeigen und Ereignisse blickt Ain Riistan auf die Jahres­versammlung der Estnischen Studiengesellschaft für Theologie zurück.

In einem abschließenden Artikel berichtet Tarmo Kulmar über das gemeinsame Symposium der Theologen und Orientalisten “Body and Soul in the Conceptions of the Religions. Leib und Seele in der Konzeption der Religionen. Ihu ja hing erinevates religioonides” vom 29.–30. September 2006 in <st1:City><st1:place>Tartu</st1:place></st1:City>.

 

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